Der kleine Eschelju

Buchcover Enfantesar 1. Buch: Eschelju und seine Freunde (Buntstiftzeichnung)

 

Eschelju ist ganz einfach vom Himmel gefallen. So hat es ihm jedenfalls Osiris erzählt. Osiris ist ein kleiner, blauer und sehr kluger Schmet­ter­ling. Eschelju ver­bringt bei ihm seine erste Lebens­zeit.

 

Da Eschelju wissen möch­te, wer er wirklich ist, beschließt er sich auf die Suche nach seinen Eltern zu begeben.

 

  

 

Eschelju lernt Tiere wie den Hasen Erpf Erdfell, die Spatzen­schwestern, die Spinnenkönigin Aura und den Fuchs Regin kennen. Das Taubenschwänzchen Dienmut begleitet ihn. Dabei erleben die beiden auch das eine oder andere Abenteuer.

Kapitelübersicht

  • Im Saal der Erinnerungen (Vorwort)
  • Eschelju und Osiris
  • Unerwünschter Besuch bei der Ameisenhochzeit
  • Das Wunder aller Wunder
  • Erpf Erdfell
  • Erste Lektionen
  • Wie Erpf Erdfell zum Mondhasen kam
  • Ein Traum, ein Haus und eine hohe Kunst
  • Vom Mondhasen und von der Fee Allerliebst
  • Brennnessel, Löwenzahn und die Nützlichkeit des Übens
  • Die Geschichte vom Mondregenbogen
  • Eschelju und Dienmut übersiedeln
  • Der Mondhase und König Rotbart
  • Eschelju baut einen Staudamm
  • Die Spatzenschwestern
  • Wie der Mondhase in Gefangenschaft geriet
  • Was mit dem Mondhasen weiter geschah
  • Ein weiterer Traum und eine letzte Mondhasengeschichte
  • König Rotbart in Not
  • König Rotbarts Schatz
  • Wiedersehen mit Osiris
  • Abenteuer im Spinnenwald
  • Bei der Spinnenkönigin
  • Eine überraschende Mitteilung
  • Landkarte
  • Was ich euch noch sagen möchte

Leseprobe

Hier findet ihr das Kapitel "Eschelju und Osiris".

Eschelju und Osiris

 

Eschelju steckte den Kopf aus seiner Wildrosenblüte und blickte sich neugierig um. „Guten Morgen!“ rief der Schmetterling Osiris dem kleinen Jungen zu. „So struppig, wie du aussiehst, hast du bestimmt gut geschlafen!“

 

Eschelju strich sich mit den Fingern durch die hellen Haare und rieb fröhlich seine blauen Flügel aneinander. Dann flog er zu dem Schmetterling, der etwas oberhalb auf einem Zweig saß und sich sonnte.

 

Osiris war ungefähr so groß wie Eschelju und hatte ebenfalls blaue Flügel.

 

„Da unten ist ja ganz schön viel los“, sagte der Schmetterling zu dem Jungen und deutete auf das muntere Insektentreiben auf der Blumenwiese. „Ah, da bin ich gleich mit dabei“, sagte Eschelju und wollte schon fortfliegen.

 

„Halt, halt, nicht so ungeduldig“, mahnte Osiris. „Zuerst wird gegessen, danach wird gelernt, und dann kannst du spielen!“ Eschelju schnalzte mit der Zunge. „Ei ja“, bemerkte er, „essen ist gut“, und flog sofort hinter Osiris her, der eine duftende Blume ansteuerte.

 

„Und wo ist dein Trinkhalm?“ fragte Osiris, als der Junge neben ihm landete. „Ui, den habe ich vergessen“, antwortete Eschelju und war gleich darauf wieder mit seinem Halm zurück. „Was man nicht im Kopf hat, das hat man in den Flügeln“, bemerkte Osiris trocken, während Eschelju begann, süßen Nektar aus der Blüte zu saugen.

 

Osiris war ein guter Lehrer. Er wusste alles über die Blumen auf der Wiese. Außerdem brachte er Eschelju bei, wie man sich vor Vögeln und großen Raubinsekten versteckt. Er lehrte Eschelju, die Flügel flugwarm zu sonnen, sich vor dem Regen zu schützen und nicht in Spinnennetze zu geraten.

 

Vor allem jedoch unterrichtete er ihn in der hohen Kunst des Fliegens. Er lernte ihm das schnelle und das langsame Flattern, das Schwirren, das sich vom Wind Treibenlassen und das Schweben. Das Schweben mochte Eschelju am liebsten, und Osiris war ein Meister darin. „Alle Falter können flattern und schwirren“, hatte Osiris eines Tages zu Eschelju gesagt, „aber schweben, wirklich ausdauernd zu schweben, ist sehr schwierig und braucht viel Übung.“

 

Eschelju wiederum war ein begeisterter Schüler. Er interessierte sich für alles, was es auf der Wiese zu wissen und zu lernen gab.

 

Osiris breitete nun seine Flügel aus. „So jetzt wird aber geübt“, sagte er, und schon flog der Schmetterling voran. Sie flatterten, schwirrten und schwebten bis Eschelju ganz müde davon geworden war. Danach kehrte Osiris mit ihm in den Wildrosenstrauch zurück.

 

„Du hast große Fortschritte gemacht“, lobte der Schmetterling, „bald wirst du so gut fliegen können, dass ich mit dir den Spiegelteich überqueren kann. Die schönste, aber zugleich auch gefährlichste Kunst ist nämlich das Fliegen über dem Wasser.“

 

Eschelju blickte Osiris staunend an. „Wozu soll das denn gut sein, wenn man doch ganz einfach um den Teich herum fliegen kann?“ wollte er wissen.

 

,,Weil du in der Mitte des Teiches das Wunder aller Wunder erblicken wirst,“ erwiderte Osiris. „Das Wunder aller Wunder, was ist denn das?“ fragte Eschelju weiter. „Das kann ich dir jetzt nicht so leicht erklären, du musst es eben selbst sehen“, antwortete der Schmetterling.

 

Der Spiegelteich befand sich inmitten der Wiese. Er sah wie ein großes Auge aus. An seinem Ufer standen zwei Lärchen, und zwischen Gräsern und Blumen sprudelte eine silberhelle Quelle hervor.

 

 

Von seiner Wohnblüte hatte Eschelju einen wunderbaren Ausblick auf den Teich. Es war ein sehr geheimnisvoller Teich, denn er sah immer anders aus.

 

An ruhigen Sonnentagen schimmerte seine Oberfläche blau, und die umliegenden Berge spiegelten sich darin. Strich der Wind sanft über ihn hinweg, so kräuselten sich kleine Krönchen, die im Sonnenlicht wie Sterne leuchteten. An grauen Regentagen wiederum vermischten sich die Regentropfen Ring um Ring mit seinem dunklen Wasser. Am geheimnisvollsten aber war der Spiegelteich, wenn der Mond schien.

 

Diesen wunderbaren Teich also würde Eschelju bald überfliegen. Er konnte es kaum noch erwarten und übte noch fleißiger als bisher.

 

Wenn aber Eschelju nicht übte, was freilich auch oft genug vorkam, flog er zur Wiese. Allerlei kriechende und krabbelnde Tierlein waren dort, und Schmetterlinge in verschiedensten Farben flogen durch die Luft. Eschelju schaukelte mit ihnen auf Blüten, Blättern und Halmen, und sie spielten Nachfliegen, Wettschwirren und Verstecken.

 

 

Escheljus allerbeste Freundin war das Schmetterlingsmädchen Dien­mut, ein Taubenschwänzchen.

 

Dienmut war eine tolle Fliegerin und beim Wettschwirren immer die Erste. Trotzdem wurde sie von den meisten Schmetterlingen verspottet. Sie war nämlich etwas pummelig. Eschelju aber bewunderte sie.

 

„Wie flink du doch deine Flügel bewegen kannst“, staunte er immer wieder. Genauso bewundernswert fand er, dass Dienmut beim Saugen aus den Blütenkelchen in der Luft stehen konnte. Sie beherrschte sogar das Rückwärtsfliegen. Das war wirklich sehr beeindruckend. Selbst Osiris musste zugeben, dass von dem Dickerchen, wie er Dienmut gerne nannte, etwas zu lernen war.

 

Ja, das Leben auf der Wiese war recht fröhlich. Dennoch fühlte sich Eschelju manchmal ein wenig einsam.