Erstes Buch: Der kleine Eschelju

Kapitelübersicht

  • Eschelju und Osiris
  • Die Ameisenhochzeit
  • Das Wunder aller Wunder
  • Bei Erpf Erdfell
  • Wie Erpf Erdfell zum Mondhasen kam
  • Vom Mondhasen und von der Fee Allerliebst
  • Die Reise des Mondhasen zur Erde
  • Die Geschichte vom Mondregenbogen
  • Der Mondhase und König Rotbart
  • Die Spatzenschwestern
  • Wie der Mondhase in Gefangenschaft geriet
  • Was mit dem Mondhasen weiter geschah
  • Escheljus Traum
  • König Rotbart in Not
  • König Rotbarts Schatz
  • Abenteuer im Spinnenwald
  • Bei der Spinnenkönigin
  • Am Abend vor der Reise

Leseprobe

Hier findet Ihr das erste Kapitel des Buches.

Eschelju und Osiris

 

Eschelju war ganz klein, so klein wie ein Schmet­ter­ling war er. Er hatte auch Flügel wie ein Schmet­ter­ling. Diese waren tiefblau wie seine Augen.

 

Eschelju wohnte mit Osiris in einem Wild­rosen­strauch, und es schien ihm, als hätte er schon immer dort gelebt. Der Schmetterling Osiris hatte ebenfalls blaue Flügel, aber dunkle Augen. Er war sehr klug und verstand es, Eschelju zu begeistern, darum war er auch ein groß­artiger Lehrer.

 

Osiris wusste, wie man sich versteckt, um nicht von Vögeln und großen Raub­insekten gefressen zu werden. Er lehrte Eschelju, die Flügel flugwarm zu sonnen, sich vor dem Regen zu schützen, und nicht in Spinnen­netze zu geraten. Außerdem kannte Osiris alle Blüten, ganz besonders die mit dem wohl­schmeckensten Nektar, und er zeigte Eschelju, wie man mit Halmen daraus trinkt.

 

Vor allem jedoch brachte er ihm die hohe Kunst des Fliegens bei, das schnelle und langsame Flattern, das Schwirren, das sich vom Wind Treiben­lassen und das Schweben. Das Schweben mochte Eschelju am liebsten, und Osiris war ein Meister dieses Fachs. „Alle Falter können flattern und schwirren“, hatte Osiris eines Tages zu Eschelju gesagt, „aber schweben, wirklich ausdauernd zu schweben, ist äußerst schwierig und braucht viel Übung.“

 

Osiris war tatsächlich ein ganz besonderer Schmetter­ling, und Eschelju hatte ihn von Herzen gerne. Daher war er auch ein sehr eifriger Schüler. Osiris wiederum freute sich über die Fort­schritte seines Schütz­lings. „Bald wirst du die Kunst des Fliegens so gut beherrschen", sagte er, „dass ich mit dir über den Spiegel­teich fliegen kann.

 

Die voll­kom­menste aber gleichzeitig auch gefährlichste Schmet­ter­lings­kunst ist nämlich das Fliegen über dem Wasser.“ Eschelju blickte Osiris staunend an: „Wozu soll das denn gut sein, wenn man doch ganz einfach um den Teich herum fliegen kann?“ fragte Eschelju. ,,Weil du in der Mitte des Teiches das Wunder aller Wunder erblicken wirst,“ erwiderte Osiris. „Das Wunder aller Wunder, was ist denn das?“ fragte Eschelju neugierig und machte kugelrunde Augen. „Das kann ich dir jetzt nicht so leicht erklären, du musst es eben selbst sehen“, antwortete Osiris.

 

Der Spiegel­teich ruhte wie ein großes Auge inmitten der Wiese. Zwei riesige Lärchen wachten an seinem Ufer, und zwischen Gräsern und Blumen sprudelte eine silber­helle Quelle hervor.

 

 

Die Wohnblüte im Wild­rosen­strauch bot Eschelju einen wunder­baren Ausblick auf den Teich. Es war ein sehr geheim­nis­voller Teich, denn er sah immer anders aus. An ruhigen Sonnentagen schimmerte seine Ober­fläche blau und spiegelte die um­lie­gen­den Berge wider. Strich der Wind sanft über ihn hinweg, so kräuselten sich kleine Krönchen, die im Sonnen­licht wie Sterne leuch­te­ten. An grauen Regen­tagen ver­misch­ten sich die Regen­tropfen Ring um Ring mit seinem dunklen Wasser. Am geheim­nis­voll­sten aber war der Spiegel­teich, wenn das Mondlicht über ihn hin tanzte. Es war Osiris allerdings erst einmal gelungen, Eschelju wach zu halten, um ihm dieses zauber­hafte Spiel von Wasser und Mondlicht zu zeigen.

 

Diesen wunder­baren Teich also würde Eschelju bald über­fliegen. Er konnte den Tag kaum mehr erwarten und übte noch fleißiger als bisher.

 

Wenn aber Eschelju gerade nicht übte, was, wie euch verraten kann, freilich auch oft genug vorkam, flog er zur Wiese. Dort herrschte stets ein recht buntes Treiben. Allerlei kriechende und krabbelnde Tierlein bevölkerten sie, und Schmetterlinge in ver­schie­den­sten Farben tanzten und schwirrten durch die Luft. Eschelju schau­kelte mit ihnen auf Blüten, Blättern und Halmen, und sie spielten Nach­fliegen, Wett­schwirren und Ver­stecken.

 

Escheljus allerbeste Freundin war der Schmet­ter­ling Dienmut, ein Tauben­schwänz­chen. Sie war etwas pummelig, konnte aber ihre Flügel ungemein flink bewegen. Eschelju bewunderte ihre Schnellig­keit, und er bewunderte auch ihre Begabung, rück­wärts zu fliegen und beim Saugen aus den Blüten­kelchen im Flug zu verharren.

 

Selbst Osiris musste zugeben, dass von dem Dickerchen, wie er Dienmut gerne nannte, etwas zu lernen sei.